Vom inneren und äußeren Ja
Manchmal sieht ein Leben von außen bestens aufgeräumt aus – und trotzdem bleibt die Frage, ob wir uns darin wirklich zu Hause fühlen. Martina hatte eine Entscheidung getroffen, mit deren Richtigkeit sie im Reinen war. Und doch ließ sie der Gedanke an das mögliche andere Leben nicht los. Was ihr schließlich half, war nicht, die verworfene Möglichkeit abzuwerten, sondern in ihrem eigenen Leben wiederzufinden, was für sie wertvoll und tragend ist.
Martina ist eine muntere, sportliche Frau. Sie hat einen erfüllenden Job, einen Hund und einen lebendigen Freundeskreis. Zu Beginn unserer Gespräche wirkte, was sie von ihrem Alltag berichtete, bestens geordnet. Hin und wieder musste ich an eine Wohnung denken, in die Marie Kondo gerufen wird, aber nichts zu tun hat, sich aber über einige Souvenirs wundert, die irgendwie nicht recht zum Gesamtbild passen.
An einem sehr trüben Frühlingstag führte unser Wetter-Smalltalk zu Beginn der Sitzung zu dem, was Martina zu mir geführt hatte.
„Wissen Sie, wenn es nicht trübe ist, ist so ein Frühlingstag ja auch nicht automatisch ein schöner Tag“, sagte sie. Das ließ mich aufhorchen, und ich fragte zurück: „Was macht denn für Sie einen Tag zu einem schönen Tag?“
Martina dachte einen Augenblick nach und sagte: „Na ja, man kann ja über das Trübe hinweggehen und sich sagen: Egal, es ist jetzt mal so, ich mache das Beste daraus. Ob der Tag dann bei schönem Wetter ein besserer Tag geworden wäre, man weiß das ja nicht.“
Zu Martinas Pragmatismus, den ich bewunderte, gesellte sich jetzt etwas leicht Wehmütiges. Der Nachsatz „Wer weiß das schon?“ klang nach etwas Schmerzhaftem. Ich musste dabei an das denken, was man in der Kognitionspsychologie „kognitive Dissonanz“ nennt. Mit diesem Begriff ist beschrieben, dass wir alle dazu neigen, eine tatsächlich gewählte Entscheidung im Nachhinein positiver einzuschätzen als jene Möglichkeit, die wir nicht genutzt haben. Mit „Choice-supportive bias“ (übersetzt etwa: „Positiver Entscheidungsirrtum“) ist sogar gemeint, dass wir eine getroffene Entscheidung im Nachhinein positiver erinnern als die nicht gewählte Alternative. Anders gesagt: Wir Menschen deuten unsere Entscheidungen nachträglich positiv um.
Ich ging meinem Gefühl nach und fragte Martina, ob sie das einmal erlebt hat: dass man sich im Rückblick fragt, ob eine Entscheidung in die richtige Richtung geführt hat und ob man sie noch einmal so treffen würde.
Mir selbst war klar, dass diese Frage etwas unvermittelt kam, und ich verstand gut, warum Martina mich jetzt leicht stirnrunzelnd ansah. Deshalb fügte ich hinzu: „Was ich meine, ist: Es ist gut, sich mit etwas abfinden zu können, weil es jetzt eben ist, wie es ist. Aber ist es dann auch etwas, was Sie mit sich selbst verbinden können?“
Martina erzählte daraufhin von einer nur wenige Jahre zurückliegenden Entscheidung, die ihr einiges abverlangte und an die sie oft zurückdenkt. Sie fragt sich: „Wie sähe mein Leben aus, hätte ich mich anders entschieden?“
Einerseits war sie im Reinen mit sich und hielt ihre damalige Entscheidung für richtig, andererseits überlegte sie oft, wie es jetzt wäre, wenn … Vor allem an Tagen, an denen ihre Tatkraft nachließ, quälte Martina diese Frage.
Dies zeigt, dass die Gewissheit, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben, nicht dazu führen muss, dass sich auch eine innere Übereinstimmung oder „Ruhe“ einstellt und wir innerlich voll und ganz dazu „Ja“ sagen können. Und umgekehrt muss eine Entscheidung, die man innerlich bejaht, sich nicht sofort gut anfühlen. Manchmal ist sie ja mit offensichtlichem Verlust oder Trauer verbunden.
Was Martina anging, verstand ich, warum sich bei mir das Bild der gut aufgeräumten Wohnung eingestellt hatte. Und als Martina mir die ganze Geschichte ihrer Entscheidung erzählt hatte, verstand ich auch ihre innere Frage sehr gut.
Um zu einer Antwort zu finden, war es mir wichtig herauszufinden, ob sie heute ein inneres „Ja“ zu ihrer damaligen Entscheidung finden kann. Nicht im Sinne der Frage, ob sie ihre Entscheidung im Rückblick für die richtige hielt, sondern ob sie in dem Alltag, der aus ihrer – wie sie selbst sagte – „Nein“-Entscheidung entstanden war, Werte und Beziehungen fand, die sie wirklich berührten und zu denen sie aus innerer Überzeugung Ja sagen konnte.
Martina konnte hierzu vieles nennen. Ganz im Vordergrund standen die Zeit für ihren Hund und ihren Garten sowie die Möglichkeit, in ihrer angestammten Heimat bei ihren langjährigen Freunden wohnen bleiben zu können, was anders nicht möglich gewesen wäre.
Am Ende unserer Gespräche beschäftigte Martina der „Was wäre heute, wenn“-Rückblick nicht mehr oft, und wenn doch, war er nicht mehr beunruhigend. Sie fand innere Gelassenheit durch das Wissen um die Werte, die sie dazu geführt hatten, so zu entscheiden, wie sie entschied. Darin erkannte sie sich selbst wieder.
An dieser Stelle könnte man jetzt einwenden: „Also doch: Choice-supportive bias!“
Aber bei Martina dominierte nicht das Gefühl: „Gut, dass ich geblieben bin“, sondern die innere Zustimmung, das Ja zu dem, was ist, und die Freude an dem, was sich im Alltag als tragend erweist. Diese war – das weiß Martina jetzt – so etwas wie der Katalysator für eine stimmige Entscheidung.
Im Rückblick auf unsere Gespräche kommt mir noch einmal das Bild der aufgeräumten Wohnung in den Sinn, das mir zu Beginn so präsent war. Ordentlich war Martinas „Lebenswohnung“ noch immer. Das ein oder andere „Souvenir“ zog jetzt mehr Aufmerksamkeit auf sich, weil deutlicher geworden war, welche Bedeutung es für Martina hatte.

*Mit KI erstellt
Eine aufgeräumte Wohnung schafft nicht automatisch Wohlbefinden. Vielleicht geht es im Leben auch weniger darum, dass alles harmonisch und an seinem richtigen Platz ist, als darum, ob wir in dem, was geworden ist, unseren ganz eigenen Platz finden.