Beziehungsmuster als Ursache für Erschöpfung.

Beziehungen prägen unser Leben – und manchmal auch unsere Erschöpfung. In Martins Geschichte zeigt sich, wie alte Beziehungsmuster aus der Herkunftsfamilie bis in den Berufsalltag hineinwirken können. Das sog. Dramadreieck hilft, diese Dynamiken zu verstehen. Doch Veränderung beginnt nicht allein mit Erkenntnis, sondern mit der Frage: Wie können wir für uns selbst einstehen, ohne gegen andere zu kämpfen?

Wir alle leben in Beziehungen, und das ist gut so. Gut ist aber auch, wenn Beziehungen sich verändern dürfen: durch ein neues Miteinander, durch mehr Abstand oder auch durch Zeiten, in denen sie einfach ruhen. Solche Veränderungen verlaufen selten reibungslos oder ohne Stress. Dennoch sind sie Ausdruck unserer Entwicklung und Lebendigkeit.

Martin – wie ich ihn hier wieder nennen möchte – war Mitte vierzig. Als er auf die Zeit zurückblickte, in der sich die Erschöpfung entwickelt hatte, die ihn zu mir führte und ihn inzwischen zunehmend lähmte, fragte ich ihn, was aus seiner Sicht am meisten dazu beigetragen habe. Seine Antwort kam spontan: „Die Konflikte mit meinen Eltern.“

Diese Antwort überraschte mich. Vor mir saß ein Mann mit eigener Familie und einem Beruf, der ihm viel abverlangte. Zu Beginn unserer Gespräche hatte er gesagt: „Mein Job stresst mich sehr. Aber ich bin froh, dass ich ihn habe, weil ich dort viel Anerkennung bekomme.“

Meine Fragen lauteten deshalb zunächst: „Woran merken Sie im Alltag, dass es Ihnen zu viel wird?“ und „Was bräuchten Sie, damit sich Ihre Arbeit weniger belastend anfühlt, ohne dass Sie das Gefühl haben, etwas Wichtiges zu vernachlässigen?“

Im Laufe unserer Gespräche erkannte Martin, dass sein großer Einsatz im Beruf der Anerkennung und Bestätigung entsprach, die er dadurch erhielt. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass es ihm schwerfiel, die Grenzen seiner eigenen Kraft wahrzunehmen und ernst zu nehmen und deshalb beispielsweise seine Vorgesetzten um Entlastung zu bitten.

Mit dieser Erkenntnis wurde ihm auch klar, dass es ihm bereits in seiner Herkunftsfamilie kaum gelungen war, seine Sichtweise oder seine eigenen Bedürfnisse offen zu vertreten. Nachdem Martin von mehreren solcher Situationen erzählt hatte, zeichnete ich ihm das sogenannte Dramadreieck auf.

Mit KI esrstellt

Dieses Modell des amerikanischen Psychiaters Stephen Karpman beschreibt anhand der drei Rollen Opfer, Retter und Verfolger dysfunktionale – man könnte auch sagen: belastende – Beziehungsmuster. Es macht sichtbar, welche Rollen Menschen in Beziehungen häufig unbewusst einnehmen. Entscheidend ist dabei aber: Niemand bleibt dauerhaft in einer dieser Rollen. Je nach Situation wechseln wir zwischen ihnen hin und her.

Nachdem Martin sich in den Konflikten in allen drei Rollen wiedererkannt hatte, konnte er sich seine Erschöpfung besser erklären. Das Modell half ihm zu verstehen, warum er sich vor allem in den familiären Konflikten so oft gefangen fühlte.

Vor diesem Hintergrund erhielt eine Frage besonderes Gewicht: „Kann ich mich in meiner Familie überhaupt so zeigen, wie ich bin?“

Diese Frage beschäftigte uns über viele Gespräche hinweg.

Auf der Suche nach einer neuen Haltung stellte sich Martin schließlich eine andere, entscheidende Frage: „Wie kann ich meinen Standpunkt vertreten, ohne andere abzuwerten oder sie in eine der drei Rollen zu drängen?“

Ich fragte ihn daraufhin: „Können Sie sich in Konfliktsituationen innerlich ganz auf Ihre eigene Seite stellen? Können Sie Ihre eigene Position bejahen?“

In diesem Moment wurde Martin der Zusammenhang zwischen den Konflikten mit seinen älter werdenden Eltern und den Konflikten bewusst, die er auch im Berufsleben vermied. Beide hatten dieselbe Wurzel: die Schwierigkeit, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Als wir am Ende auf unseren gemeinsamen Prozess zurückblickten, sagte er: „Dieses Modell war wie eine Brille, durch die ich klarer sehen konnte. Aber erst die Frage, wie ich mein Verhalten verändern möchte, hat wirklich etwas verändert.“

Martins Geschichte macht deutlich, wie tief Beziehungsmuster in uns verankert sind. Sie entstehen in frühen Bindungserfahrungen und bleiben oft auch dann wirksam, wenn sich unsere Lebensumstände längst verändert haben. Wo Loyalität, Erwartungen und biografische Prägungen zusammenkommen, werden diese Muster immer wieder aktiviert.

Veränderung wird möglich, wenn sich der Blick nicht nur auf die Dynamik zwischen den Beteiligten richtet, sondern auch auf die eigene innere Position. Dort entsteht die Freiheit, sich selbst zu zeigen – mit den eigenen Bedürfnissen, Grenzen und Überzeugungen.

Für Martin war dies ein wichtiger Schritt.

Das Dramadreieck beschreibt nicht nur, wie Beziehungen festgefahren sein können. Es erinnert auch daran, dass niemand dauerhaft an eine Rolle gebunden ist. Der Ausstieg beginnt dort, wo wir aufhören, automatisch zu reagieren, und stattdessen bewusst Stellung beziehen: für uns selbst, ohne damit gegen den anderen zu sein.

Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Erschöpfung nachlassen kann. Denn wer sich nicht mehr ständig zwischen Anpassen, Retten oder Verteidigen bewegt, gewinnt etwas zurück, das im Alltag leicht verloren geht: innere Freiheit.

Und vielleicht beginnt Freiheit mit der Fähigkeit, dem eigenen Erleben Gewicht zu geben.