„Es ist wie es ist?“
Über unser Ringen mit der Realität
Krisen gehören zum Leben – doch wie gelingt es, mit einer Wirklichkeit umzugehen, die sich nicht mehr ändern lässt? Diese Geschichte zeigt, weshalb die Anerkennung dessen, was ist, nicht das Ende aller Möglichkeiten bedeutet, sondern der Ausgangspunkt für neue Perspektiven und eigenes Handeln sein kann.
Wer vollkommen im Einklang mit seinen Lebensbedingungen ist, sucht keine Beratung. Meist gibt es etwas, das schmerzt, belastet oder ist einfach nicht so, wie man es sich wünscht.
So war es auch bei Martin.
An seiner Arbeit lag ihm viel. Er ging zeitweise ganz darin auf und hatte das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Dennoch kündigte man ihm nach einigem Hin und Her aus betrieblichen Gründen. Das Unternehmen, bei dem er beschäftigt war, konnte die Folgen der Corona-Pandemie nicht bewältigen. Mit dem Arbeitsplatz verlor Martin nicht nur seine berufliche Aufgabe. Er verlor auch einen wichtigen Teil seiner Selbstbestätigung, seiner sozialen Einbindung und nicht zuletzt die finanzielle Basis für vieles, was ihm im Alltag wichtig war. Dies konnte er lange Zeit nicht akzeptieren.
Wir alle kennen Situationen, die wir uns anders gewünscht hätten. Die Corona-Zeit hat uns das auf sehr unterschiedliche Weise vor Augen geführt. Viele erinnern sich noch an die Fragen, die damals in der Luft lagen:
Wann wird das enden?
Was kommt noch auf uns zu?
Wird es irgendwann wieder so sein wie vorher?
Grundsätzlich wissen wir: Es gibt ein Danach. Aber vieles wird dann anders sein, als wir es uns gewünscht hätten. Das psychologische Konzept der „Radikalen Akzeptanz“, das auf Marsha M. Linehan zurückgeht, setzt genau an dieser Erfahrung an. Ursprünglich entwickelte sie es für Menschen in schwersten psychischen Krisen. Der Kern lässt sich in einem schlichten Satz zusammenfassen:
„Es ist wie es ist?“
Ein Satz, der wie eine Zumutung wirken kann.
In meinem Praxisraum hängt eine Postkarte in einem schwarzen Rahmen. Darauf steht genau dieser Satz.

Wie bei Martin gibt es bei vielen Menschen, die ich begleite, irgendwann den Moment, in dem ich sie von der Wand nehme und vor ihnen auf den Tisch stelle. Oft folgt dann erst einmal ein Seufzer oder ein genervter Blick.
Martin betrachtete die Karte eine Weile und sagte schließlich:
„Ja, ja. Es ist, wie es ist. Und wie weiter jetzt!?“
In diesem Augenblick wusste ich die Antwort auf diese Frage genauso wenig wie er.
Was ich allerdings wusste: Dieses „Und wie weiter jetzt?“ war der Punkt, an dem etwas Neues beginnen konnte.
Nicht das „Es ist, wie es ist“ war der entscheidende Satz.
Es war das kleine Wort „Und“.
Nicht: „Warum musste das passieren?“
Nicht: „Aber wie weiter jetzt?“
Sondern: „Und wie weiter jetzt?“
Für mich zeigt sich darin etwas, das die Existenzanalyse gut beschreibt.
Die Anerkennung der Wirklichkeit ist nicht das Ende des Weges. Sie ist der Anfang.
Erst wenn ich aufhöre, gegen etwas anzukämpfen, das längst eingetreten ist, kann ich mich der Frage zuwenden, wie ich jetzt und künftig damit leben möchte.
Vom Begründer der Existenzanalyse und Logotherapie, Viktor E. Frankl stammt der Gedanke, dass zwischen dem, was uns widerfährt, und unserer Antwort darauf der Raum unserer Freiheit liegt.
Genau diesen Raum hatte Martin jetzt betreten.
Zunächst war in seinem Satz noch Trotz zu hören, vielleicht auch etwas Ärger. Doch im Laufe unserer gemeinsamen Arbeit wurde etwas anderes daraus. Je weniger Energie er darauf verwenden musste, gegen die Wirklichkeit anzukämpfen, desto mehr konnte er sich der Frage zuwenden:
„Wie will ich jetzt mit dem umgehen, was ist?“
Oder, um es mit Viktor Frankl zu sagen:
„Das Leben hat mir eine Frage gestellt. Wie möchte ich darauf antworten?“
Es dauerte noch eine Weile, bis Martin seine Antwort fand und die ersten Schritte gehen konnte.
Als er zum letzten Mal an der gerahmten Karte vorbeiging, blieb er stehen, deutete mit dem Daumen darauf und sagte verschmitzt:
„Das da brauchen Sie wohl öfter!?“
„Ja“, sagte ich. „Und wenn es dann – so wie bei Ihnen – um dieses kleine Wort ergänzt wird, bin ich meistens froh, dass ich es wieder an den Nagel hängen darf.“
Martin hat seinen Weg zurück ins Arbeitsleben gefunden.